Ein Pflegegrad entscheidet, ob und wie viel Geld die Pflegekasse zahlt. Es gibt fünf Pflegegrade. Welcher es wird, legt eine Gutachterin oder ein Gutachter mit einem Punktesystem fest, das in sechs Lebensbereichen misst, wie selbstständig jemand noch ist.
Oft kommt die Frage plötzlich: Die Mutter stürzt, der Vater vergisst den Herd, eine Freundin kommt aus der Psychiatrie nicht mehr allein zurecht. Dann zählen Tage, Formulare und der eine Termin mit dem Medizinischen Dienst. Wer weiß, wie dort gezählt wird, schildert den Alltag so, dass er im Gutachten auch ankommt.
Hier steht, wie die Begutachtung Punkt für Punkt rechnet, was jeder Pflegegrad 2026 bringt und was sich ab 2027 ändern soll.
Betrifft dich, wenn du jemanden pflegst du selbst Pflege brauchst du länger ausfällst
Das Wichtigste in Kürze
- Es gibt fünf Pflegegrade. Grundlage ist ein Gutachten mit sechs Modulen, aus denen sich 0 bis 100 Punkte ergeben. Ab 12,5 Punkten gibt es Pflegegrad 1, ab 90 Punkten Pflegegrad 5.
- Am stärksten zählt die Selbstversorgung mit 40 Prozent. Demenz und psychische Erkrankungen zählen genauso wie körperliche Einschränkungen.
- Pflegegeld gibt es ab Pflegegrad 2: 2026 sind das 347 bis 990 Euro im Monat. Leistungen gibt es ab dem Monat, in dem der Antrag eingeht.
- Gegen den Bescheid hast du einen Monat Zeit für den Widerspruch. Fast jeder dritte Widerspruch war zuletzt erfolgreich.
- Geplant ist, dass ab 2027 für die Pflegegrade 1 bis 3 mehr Punkte nötig sind. Wer schon eingestuft ist, soll Bestandsschutz haben.
So gehst du vor
- Stelle den Antrag sofort, ein Anruf oder eine kurze E-Mail an die Pflegekasse genügt. Das Datum sichert die Leistungen ab diesem Monat.
- Führe bis zum Termin ein bis zwei Wochen lang ein Pflegetagebuch und lege Arztberichte und Medikamentenplan bereit.
- Prüfe das Gutachten, sobald der Bescheid da ist. Für den Widerspruch hast du einen Monat.
Inhalt
- Was ist ein Pflegegrad?
- Was gilt ohne Pflegegrad?
- Wie die Begutachtung nach dem NBA funktioniert: die sechs Module
- Wie aus Punkten ein Pflegegrad wird
- Was jeder Pflegegrad 2026 bringt
- Was ein Pflegegrad kostet und was du trotzdem selbst zahlst
- So beantragst du einen Pflegegrad und bereitest die Begutachtung vor
- Wenn der Bescheid kommt: Widerspruch, Höherstufung und Fristen
- Pflegegrade bei Kindern, Privatversicherten, Beamtinnen und Beamten
- Was sich an den Pflegegraden ab 2027 ändern soll
- Wie private Pflegevorsorge an den Pflegegrad anknüpft
- Was bei den Pflegegraden als Nächstes zählt
- Häufig gestellte Fragen
Was ist ein Pflegegrad?
Die kurze Antwort: Ein Pflegegrad ist die amtliche Einstufung, wie stark jemand im Alltag auf Hilfe angewiesen ist. Er ist der Schlüssel zu allen Leistungen der Pflegeversicherung. Ohne Pflegegrad zahlt die Pflegekasse nichts, mit Pflegegrad gibt es feste Beträge, die mit jeder Stufe steigen.
Pflegebedürftig ist nach § 14 SGB XI, wer wegen gesundheitlicher Probleme in seiner Selbstständigkeit eingeschränkt ist und darum Hilfe von anderen braucht. Das muss voraussichtlich mindestens sechs Monate so bleiben. Ein gebrochenes Bein mit sechs Wochen Gips reicht also nicht, eine fortschreitende Demenz oder eine schwere, lang anhaltende Depression kann reichen.
Seit 2017 gibt es die fünf Pflegegrade. Sie haben die früheren drei Pflegestufen abgelöst. Der große Unterschied: Früher zählte vor allem, wie viele Minuten Pflege jemand am Tag braucht. Heute zählt, was jemand noch selbst kann. Gemessen wird das mit dem Neuen Begutachtungsassessment, kurz NBA. So heißt das Punkteverfahren, das der Medizinische Dienst bei jeder Begutachtung nutzt.
Pflegegrad, Schwerbehinderung und Berufsunfähigkeit sind drei verschiedene Dinge
Den Grad der Behinderung stellt das Versorgungsamt nach eigenen Regeln fest. Berufsunfähigkeit und Erwerbsminderung fragen, ob du arbeiten kannst. Der Pflegegrad fragt, ob du deinen Alltag schaffst.
Was gilt ohne Pflegegrad?
Ohne Pflegegrad trägst du jede Hilfe selbst: den Pflegedienst, die Haushaltshilfe, den Platz im Heim. Die Pflegekasse zahlt erst ab dem Monat, in dem der Antrag eingeht. Rückwirkend für die Zeit davor gibt es nichts, auch wenn die Hilfe schon lange nötig war. Das regelt § 33 SGB XI.
Dazu kommt eine Vorversicherungszeit. Du musst in den zehn Jahren vor dem Antrag mindestens zwei Jahre in der Pflegeversicherung gewesen sein, als Mitglied oder über die Familienversicherung. Für fast alle, die in Deutschland arbeiten oder mitversichert sind, ist das erfüllt.
Auch das Sozialamt richtet die Hilfe zur Pflege nach denselben Pflegegraden. Wer keinen Pflegegrad hat, fällt deshalb auch dort weitgehend durch. Darum lohnt sich der Antrag auch dann, wenn die Einschränkung noch klein wirkt. Schon Pflegegrad 1 bringt 131 Euro im Monat für Entlastung und Zuschüsse zum Umbau der Wohnung, Stand: 2026, laut Bundesgesundheitsministerium.
Wie die Begutachtung nach dem NBA funktioniert: die sechs Module
Die Gutachterin oder der Gutachter prüft 64 Kriterien in sechs Bereichen, den Modulen. Jedes Kriterium bekommt Punkte: je weniger jemand allein schafft, desto mehr Punkte. Danach werden die Punkte jedes Moduls in gewichtete Punkte umgerechnet und addiert. Die Gewichte stehen in § 15 SGB XI, die Kriterien in Anlage 1, die Umrechnung in Anlage 2 zum SGB XI.
| Modul | Was geprüft wird | Kriterien | Gewicht | höchstens |
|---|---|---|---|---|
| 1 Mobilität | Bewegen im Bett, sitzen, umsetzen, in der Wohnung gehen, Treppen | 5 | 10 % | 10 Punkte |
| 2 Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | Orientierung, Erinnern, Entscheiden, Gefahren erkennen, Gespräche | 11 | 15 % zusammen mit Modul 3, der höhere Wert zählt | 15 Punkte |
| 3 Verhaltensweisen und psychische Problemlagen | nächtliche Unruhe, Ängste, Antriebslosigkeit, Aggression, Abwehr von Pflege | 13 | ||
| 4 Selbstversorgung | Waschen, Anziehen, Essen, Trinken, Toilette, Inkontinenz, Sonde | 13 | 40 % | 40 Punkte |
| 5 Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen | Medikamente, Spritzen, Verbände, Katheter, Arztbesuche, Diät | 16 | 20 % | 20 Punkte |
| 6 Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte | Tagesablauf, Schlafen, sich beschäftigen, planen, Kontakte halten | 6 | 15 % | 15 Punkte |
Quelle: § 15 SGB XI und Anlagen 1 und 2 zum SGB XI, Stand: Fassung ab 1. Januar 2026. Die Module 2 und 3 werden nicht addiert. Es zählt nur das Modul mit dem höheren gewichteten Wert.
Modul 1: Mobilität
Hier geht es um fünf Bewegungen: im Bett die Lage wechseln, stabil sitzen, vom Bett in den Stuhl umsetzen, sich in der Wohnung fortbewegen und Treppen steigen. Jedes Kriterium bekommt 0 bis 3 Punkte, von selbstständig bis unselbstständig. Es zählt nur die körperliche Fähigkeit.
Modul 2: Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
Elf Kriterien prüfen, ob jemand Menschen erkennt, sich örtlich und zeitlich zurechtfindet, sich an Wichtiges erinnert, mehrschrittige Handlungen wie Kaffeekochen steuert, Entscheidungen trifft, Gefahren erkennt, Bedürfnisse mitteilt und einem Gespräch folgt. Bewertet wird, ob die Fähigkeit vorhanden, größtenteils vorhanden, gering vorhanden oder nicht mehr vorhanden ist. Das ist das Modul, in dem eine Demenz sichtbar wird.
Modul 3: Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
13 Kriterien fragen nach Verhalten, das Hilfe nötig macht: nächtliche Unruhe, Ängste, Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmung, Wahnvorstellungen, Aggression, Abwehr von Pflege oder selbstschädigendes Verhalten. Hier zählt die Häufigkeit: nie 0 Punkte, selten 1, häufig 3, täglich 5. Das Modul ist wichtig für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die körperlich fit sind.
Modul 4: Selbstversorgung
Das schwerste Gewicht. Geprüft werden Waschen, Duschen, An- und Ausziehen, das mundgerechte Zubereiten von Essen, Essen, Trinken, die Toilette, Folgen von Inkontinenz und die Ernährung über eine Sonde. Essen bekommt bis zu 9 Punkte, Trinken und Toilettengang bis zu 6, die übrigen Kriterien bis zu 3. Insgesamt sind 54 Einzelpunkte möglich. Wer nur mit Aufforderung und Anleitung duscht, gilt hier nicht als selbstständig.
Modul 5: Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen
16 Kriterien messen, wie oft jemand Hilfe bei Medikamenten, Spritzen, Blutzuckermessen, Verbänden, Kathetern, Therapien zu Hause oder Arztbesuchen braucht. Gezählt wird die Häufigkeit pro Tag, Woche oder Monat. Wer täglich Insulin gespritzt bekommt oder jede Woche zur Dialyse begleitet wird, sammelt hier Punkte.
Modul 6: Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte
Sechs Kriterien: den Tag einteilen, ruhen und schlafen, sich beschäftigen, in die Zukunft planen, mit Menschen im direkten Kontakt umgehen und Kontakte nach außen pflegen. Bewertet wird wieder von selbstständig bis unselbstständig, mit 0 bis 3 Punkten.
Zwei Bereiche ohne Punkte
Die Begutachtung erfasst auch, ob jemand allein das Haus verlassen und den Haushalt führen kann. Diese beiden Bereiche fließen nicht in den Pflegegrad ein. Sie helfen aber bei der Beratung und bei der Planung der Hilfe, zum Beispiel für den Entlastungsbetrag.
Wie aus Punkten ein Pflegegrad wird
Die kurze Antwort: Jedes Modul hat fünf Stufen, von keiner bis zur schwersten Beeinträchtigung. Je nach Summe der Einzelpunkte landet ein Modul auf einer Stufe, und jeder Stufe ist ein fester gewichteter Wert zugeordnet. Die gewichteten Werte werden addiert. Die Summe entscheidet über den Pflegegrad.
| Modul | Stufe 0 | Stufe 1 | Stufe 2 | Stufe 3 | Stufe 4 |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 Mobilität | 0–1 → 0 | 2–3 → 2,5 | 4–5 → 5 | 6–9 → 7,5 | 10–15 → 10 |
| 2 Kognition | 0–1 → 0 | 2–5 → 3,75 | 6–10 → 7,5 | 11–16 → 11,25 | 17–33 → 15 |
| 3 Verhalten | 0 → 0 | 1–2 → 3,75 | 3–4 → 7,5 | 5–6 → 11,25 | 7–65 → 15 |
| 4 Selbstversorgung | 0–2 → 0 | 3–7 → 10 | 8–18 → 20 | 19–36 → 30 | 37–54 → 40 |
| 5 Krankheit und Therapie | 0 → 0 | 1 → 5 | 2–3 → 10 | 4–5 → 15 | 6–15 → 20 |
| 6 Alltag und Kontakte | 0 → 0 | 1–3 → 3,75 | 4–6 → 7,5 | 7–11 → 11,25 | 12–18 → 15 |
Links steht die Summe der Einzelpunkte im Modul, rechts vom Pfeil der gewichtete Wert. Quelle: Anlage 2 zum SGB XI, Stand: Oktober 2026. Schon wenige Einzelpunkte können also viel bewegen. Drei Punkte in der Selbstversorgung bringen sofort 10 gewichtete Punkte.
Die Punktgrenzen der fünf Pflegegrade 2026
| Pflegegrad | Bedeutung laut Gesetz | Punkte 2026 | Geplant ab 2027 für Neuanträge |
|---|---|---|---|
| 1 | geringe Beeinträchtigung | 12,5 bis unter 27 | 15 bis unter 30 |
| 2 | erhebliche Beeinträchtigung | 27 bis unter 47,5 | 30 bis unter 50 |
| 3 | schwere Beeinträchtigung | 47,5 bis unter 70 | 50 bis unter 70 |
| 4 | schwerste Beeinträchtigung | 70 bis unter 90 | unverändert |
| 5 | schwerste Beeinträchtigung mit besonderen Anforderungen an die Versorgung | 90 bis 100 | unverändert |
Die Werte für 2026 stehen in § 15 SGB XI. Die rechte Spalte ist nur geplant: Sie stammt aus dem Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes, den das Bundeskabinett am 30. September 2026 beschlossen hat. Bundestag und Bundesrat haben noch nicht entschieden, die Werte können sich noch ändern.
Rechenbeispiel: wie Lisa auf Pflegegrad 3 kommt
„Lisa Logisch ist unsere Beispielperson. Sie ist erfunden, ihr Verlauf ist alltagsecht.“ Lisa ist 31, Projektmanagerin und verdient 2.500 Euro netto. Stell dir vor: Sie erkrankt an einer schweren Depression mit Angststörung. Über Monate schafft sie es nicht mehr, regelmäßig aufzustehen, sich zu waschen, zu essen oder Termine zu halten. Körperlich ist sie fit.
| Modul bei Lisa | Einzelpunkte | gewichtet |
|---|---|---|
| 1 Mobilität: läuft und sitzt allein | 0 | 0 |
| 2 Kognition: Entscheidungen und Abläufe fallen schwer | 4 | 3,75, zählt nicht |
| 3 Verhalten: Antriebslosigkeit täglich, Ängste häufig | 8 | 15 |
| 4 Selbstversorgung: wäscht und isst nur mit Anleitung | 10 | 20 |
| 5 Krankheit: Hilfe bei Medikamenten und Arztterminen | 2 | 10 |
| 6 Alltag: Tagesablauf, Planen, Kontakte nur mit Hilfe | 9 | 11,25 |
| Gesamt | 56,25 → Pflegegrad 3 |
Die Einzelpunkte sind ein vereinfachtes Beispiel, die Umrechnung folgt Anlage 2 zum SGB XI. Das Beispiel zeigt etwas Wichtiges: Lisa bekommt Pflegegrad 3, obwohl sie gehen kann. Psychische Erkrankungen zählen über die Module 3, 4 und 6 voll mit. Auch nach den geplanten neuen Grenzen läge sie mit 56,25 Punkten noch in Pflegegrad 3.
Sonderregel: Pflegegrad 5 auch unter 90 Punkten
Für eine Gruppe gibt es eine Ausnahme, die besondere Bedarfskonstellation. Wer beide Arme und beide Beine nicht mehr gebrauchen kann, bekommt Pflegegrad 5, auch wenn die Punkte darunter liegen. Das steht in § 15 SGB XI. Es betrifft zum Beispiel Menschen mit hoher Querschnittslähmung oder im Endstadium von ALS.
Was jeder Pflegegrad 2026 bringt
Die kurze Antwort: Mit jedem Pflegegrad steigen die festen Beträge. Pflegegrad 1 bringt vor allem den Entlastungsbetrag, ab Pflegegrad 2 gibt es Pflegegeld, Sachleistung und Zuschüsse zum Heim. Stand: 2026, laut Übersicht der Leistungsbeträge des Bundesgesundheitsministeriums.
| Leistung im Monat | Grad 1 | Grad 2 | Grad 3 | Grad 4 | Grad 5 |
|---|---|---|---|---|---|
| Pflegegeld, wenn Angehörige pflegen | – | 347 € | 599 € | 800 € | 990 € |
| Pflegesachleistung für einen Pflegedienst | – | 796 € | 1.497 € | 1.859 € | 2.299 € |
| Entlastungsbetrag | 131 € | 131 € | 131 € | 131 € | 131 € |
| Tages- und Nachtpflege | – | 721 € | 1.357 € | 1.685 € | 2.085 € |
| Pflegeheim, Zuschuss zu den Pflegekosten | 131 € | 805 € | 1.319 € | 1.855 € | 2.096 € |
| Verhinderungs- und Kurzzeitpflege, im Jahr | – | 3.539 € | 3.539 € | 3.539 € | 3.539 € |
Für alle Grade gelten außerdem bis zu 42 Euro im Monat für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch, bis zu 4.180 Euro je Maßnahme für den Umbau der Wohnung und 224 Euro Zuschlag im Monat in einer ambulanten Wohngruppe. Pflegegeld und Sachleistung lassen sich anteilig kombinieren. Wie das genau läuft und was für pflegende Angehörige gilt, steht auf der Seite zur gesetzlichen Pflegeversicherung.
Der Sprung von Pflegegrad 2 auf 3 ist groß. Beim Pflegegeld sind es 252 Euro mehr im Monat, also 3.024 Euro im Jahr. Bei der Sachleistung sind es 701 Euro im Monat. Darum lohnt es sich, eine Höherstufung zu beantragen, sobald sich der Zustand verschlechtert.
Was ein Pflegegrad kostet und was du trotzdem selbst zahlst
Die kurze Antwort: Antrag, Beratung und Begutachtung kosten nichts. Teuer wird, was der Pflegegrad nicht abdeckt. Die Pflegeversicherung zahlt feste Beträge, keine echten Kosten. Was darüber liegt, zahlst du selbst.
Im Pflegeheim lag der Eigenanteil im ersten Jahr laut Verband der Ersatzkassen im Schnitt bei 3.364 Euro im Monat, Stand: Juli 2026. Mit jedem Jahr im Heim übernimmt die Kasse einen größeren Teil der Pflegekosten, Unterkunft und Verpflegung bleiben aber bei dir.
Zurück zu Lisa. Mit Pflegegrad 3 entscheidet sie sich für einen ambulanten Pflegedienst. Er kostet 2.000 Euro im Monat. Die Pflegekasse zahlt höchstens 1.497 Euro Sachleistung. Es bleiben 503 Euro, die Lisa selbst trägt. Gleichzeitig fällt ihr Gehalt weg. Erst bekommt sie Krankengeld von rund 1.980 Euro, rund 520 Euro weniger als ihr Netto. Danach zahlt ihre Berufsunfähigkeitsversicherung 1.500 Euro im Monat. Der Pflegegrad hilft bei den Pflegekosten, ein Einkommen ersetzt er nicht.
Was Pflegegrade bei der Steuer bewirken
Leistungen der Pflegeversicherung sind steuerfrei. Wer einen Angehörigen mit Pflegegrad unentgeltlich zu Hause pflegt, kann nach § 33b Absatz 6 Einkommensteuergesetz einen Pflege-Pauschbetrag ansetzen: 600 Euro im Jahr bei Pflegegrad 2, 1.100 Euro bei Pflegegrad 3 und 1.800 Euro bei Pflegegrad 4 oder 5. Selbst gezahlte Pflegekosten der pflegebedürftigen Person zählen als außergewöhnliche Belastung.
So beantragst du einen Pflegegrad und bereitest die Begutachtung vor
Der erste Schritt ist kurz: Du rufst bei der Pflegekasse an oder schreibst eine formlose E-Mail mit dem Satz, dass du Leistungen der Pflegeversicherung beantragst. Die Pflegekasse sitzt bei der Krankenkasse. Angehörige dürfen den Antrag stellen, wenn die betroffene Person zustimmt oder eine Vollmacht da ist. Das Formular schickt die Kasse danach.
Nach dem Antrag muss dir die Pflegekasse innerhalb von zwei Wochen eine kostenlose Pflegeberatung anbieten, auf Wunsch zu Hause. Dann beauftragt sie den Medizinischen Dienst. Bei Privatversicherten übernimmt das ein eigener Gutachterdienst der privaten Krankenversicherer. Der Termin wird vorher angekündigt.
Wie die Begutachtung abläuft
Meist kommt eine Pflegefachkraft, manchmal eine Ärztin oder ein Arzt, nach Hause. Der Besuch dauert laut AOK bis zu einer Stunde. Die Gutachterin oder der Gutachter fragt den Alltag ab, lässt sich Dinge zeigen und schaut in Unterlagen. Bei Höherstufungen und Wiederholungsgutachten ist unter bestimmten Bedingungen auch eine Begutachtung per Telefon oder Video möglich. Erstanträge, Widersprüche und Kinder werden laut AOK in der Regel zu Hause begutachtet.
Bereite dich mit diesen Unterlagen vor, damit nichts fehlt:
- aktuelle Arzt- und Krankenhausberichte, Entlassungsbriefe und der Medikamentenplan
- Schwerbehindertenausweis, Liste der Hilfsmittel und Berichte von Pflegedienst oder Therapie
- ein Pflegetagebuch über ein bis zwei Wochen: Was ging an diesem Tag nicht, wer hat geholfen, wie lange, wie oft in der Nacht
Sei beim Termin nicht allein. Viele reißen sich beim Besuch zusammen und sagen „Das geht schon“. Eine vertraute Person kann ergänzen. Die Verbraucherzentrale rät, den Alltag ehrlich zu schildern, so wie er an einem normalen, schlechten Tag aussieht. Übertreiben hilft nicht, beschönigen schadet.
Wenn der Bescheid kommt: Widerspruch, Höherstufung und Fristen
Die Pflegekasse muss über den Antrag in der Regel innerhalb von 25 Arbeitstagen entscheiden. Liegt die Person im Krankenhaus, in der Reha, im Hospiz oder wird sie palliativ versorgt, gelten laut Bundesgesundheitsministerium deutlich kürzere Fristen, meist eine Woche. Hält die Kasse die 25 Arbeitstage nicht ein und hat sie die Verzögerung zu vertreten, zahlt sie nach § 18c SGB XI für jede angefangene Woche 70 Euro.
Mit dem Bescheid kommt in der Regel das Gutachten. Prüfe Modul für Modul, ob die Punkte zu deinem Pflegetagebuch passen. Fehlt etwa die nächtliche Unruhe oder die Hilfe beim Duschen, fehlen Punkte.
Widerspruch: ein Monat Zeit
Gegen den Bescheid kannst du innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Fehlt im Bescheid die Rechtsbehelfsbelehrung, verlängert sich die Frist auf ein Jahr. Die Verbraucherzentrale rät zu Einschreiben mit Rückschein oder Fax, eine einfache E-Mail genügt nicht. Die Begründung darfst du nachreichen. Im Widerspruchsverfahren gibt es meist ein neues Gutachten, nach Aktenlage oder mit einem neuen Besuch.
Der Widerspruch lohnt sich oft. Laut Antworten der Bundesregierung, über die das Ärzteblatt im Dezember 2023 berichtete, waren von 2020 bis 2022 jeweils 29,6 Prozent der Widersprüche gegen Erstgutachten erfolgreich. Bleibt die Kasse dabei, kannst du innerhalb eines Monats vor dem Sozialgericht klagen. Gerichtskosten fallen dort für Versicherte in den allermeisten Fällen nicht an.
Höherstufung und Wiederholungsbegutachtung
Wird es schlechter, stellst du einen Antrag auf Höherstufung. Das geht jederzeit, auch kurz nach dem letzten Bescheid. Die Kasse kann einen Pflegegrad befristen oder eine Wiederholungsbegutachtung ansetzen, wenn sich der Zustand bessern könnte. Wird jemand wieder selbstständiger, kann der Pflegegrad sinken.
Pflegegrade bei Kindern, Privatversicherten, Beamtinnen und Beamten
Bei Kindern vergleicht die Gutachterin oder der Gutachter mit einem gesunden Kind im gleichen Alter. Ein Baby braucht immer Hilfe, gezählt wird nur, was darüber hinausgeht. Begutachten sollen speziell geschulte Fachkräfte, etwa aus der Kinderkrankenpflege oder Kinderärztinnen und Kinderärzte.
Kinder bis 18 Monate werden nach § 15 SGB XI eine Stufe höher eingestuft, weil in diesem Alter viele Kriterien nicht sinnvoll messbar sind. Pflegegrad 1 gibt es bei ihnen nicht. Bewertet werden vor allem Verhalten, Krankheitsbewältigung und Probleme beim Essen und Trinken.
Privat Versicherte haben denselben Anspruch wie gesetzlich Versicherte. Die private Pflegepflichtversicherung muss dieselben Leistungen bieten und nutzt dasselbe Punktesystem. Beamtinnen und Beamte bekommen im Pflegefall Beihilfe von ihrem Dienstherrn und den Rest von ihrer privaten Pflegepflichtversicherung. Auch hier entscheidet der Pflegegrad.
Was sich an den Pflegegraden ab 2027 ändern soll
Das Bundeskabinett hat am 30. September 2026 den Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes beschlossen. Es ist noch kein Gesetz. Bundestag und Bundesrat beraten noch, die Pläne können sich also ändern. Geplant ist laut Bundesgesundheitsministerium, die Punktgrenzen der Pflegegrade 1 bis 3 an die ursprünglich wissenschaftlich empfohlenen Werte anzupassen.
Konkret sollen ab dem 1. Januar 2027 nach dem Kabinettsentwurf 15 statt 12,5 Punkte für Pflegegrad 1 nötig sein, 30 statt 27 für Pflegegrad 2 und 50 statt 47,5 für Pflegegrad 3. Die Grenzen für Pflegegrad 4 und 5 bleiben gleich. Für alle, die bereits einen Pflegegrad haben, ist ein Bestandsschutz geplant. Allein wegen der neuen Grenzen soll niemand herabgestuft werden.
Stell dir vor: Lisas Vater ist 64. Nach einer Hüftoperation und mit beginnender Vergesslichkeit braucht er Hilfe beim Duschen, Anziehen und auf der Treppe. Seine Begutachtung ergibt 28 Punkte. Heute ist das Pflegegrad 2 mit 347 Euro Pflegegeld im Monat, also 4.164 Euro im Jahr. Nach den geplanten Grenzen wären 28 Punkte bei einem neuen Antrag nur noch Pflegegrad 1, ohne Pflegegeld. Wer heute schon Hilfe braucht, sollte den Antrag darum nicht aufschieben.
Geplant ist außerdem, die Leistungen zu Hause ab Pflegegrad 2 zu bündeln und zu erhöhen. Sobald das Gesetz beschlossen ist, aktualisieren wir diese Seite.
Wie private Pflegevorsorge an den Pflegegrad anknüpft
Die kurze Antwort: Fast alle privaten Pflegeverträge zahlen nach dem Pflegegrad, den die Pflegekasse feststellt. Eine Pflegezusatzversicherung zahlt meist ein Tagegeld oder einen Monatsbetrag je Pflegegrad, eine Pflegerentenversicherung eine feste Rente. Der Bescheid der Pflegekasse ist dann der wichtigste Nachweis.
Darum lohnt beim Vertrag der Blick auf drei Punkte. Ab welchem Pflegegrad zahlt der Vertrag, und wie viel in jedem Grad. Ob er den Pflegegrad der Pflegekasse ohne eigene Prüfung anerkennt. Und was passiert, wenn sich die Punktgrenzen ändern, wie es ab 2027 geplant ist.
Eine Pflegeversicherung ersetzt kein Einkommen. Das zeigt Lisas Fall: Ihre Pflegekosten und ihr Gehaltsausfall sind zwei getrennte Lücken. Wie beide Bausteine zusammenspielen, steht auf der Seite Pflege absichern. Wann Kinder für die Pflege ihrer Eltern zahlen müssen, erklärt die Seite zum Elternunterhalt.
Was bei den Pflegegraden als Nächstes zählt
Der Pflegegrad ist kein Urteil über einen Menschen. Er ist eine Rechnung mit 64 Kriterien, und sie hängt davon ab, was in sie hineinkommt: ein ehrlicher Alltag, Tagebuch, Unterlagen und eine zweite Person beim Termin.
Gerade jetzt zählt das Timing. Für 2026 gelten noch die bisherigen Punktgrenzen. Ab 2027 sollen sie für die Pflegegrade 1 bis 3 steigen, mit Bestandsschutz für alle, die schon eingestuft sind. Und weil ein Pflegegrad nur feste Beträge auslöst, bleibt die Frage, wie groß der Rest bei dir oder deinen Eltern wäre. Diese Lücke rechnen wir gern mit dir durch, in einem Gespräch.
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Die Prüfung ist unabhängig davon, ob am Ende ein neuer Vertrag steht. Oft ist der alte Vertrag mit Lücken besser als ein neuer mit neuen Gesundheitsfragen.
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Häufig gestellte Fragen
Ja, das ist gut möglich. Seit 2017 zählen geistige und psychische Einschränkungen genauso wie körperliche. Vergisst sie Termine, findet sich nicht mehr zurecht oder ist nachts unruhig, bringt das Punkte in den Modulen 2, 3 und 6. Ein Pflegetagebuch über ein bis zwei Wochen macht das bei der Begutachtung sichtbar.
Legt innerhalb eines Monats nach dem Bescheid Widerspruch ein, am besten per Einschreiben. Fordert das Gutachten an, falls es fehlt, und vergleicht es Modul für Modul mit eurem Pflegetagebuch. Im Widerspruchsverfahren gibt es meist ein neues Gutachten. Seid beim nächsten Termin als Angehörige dabei.
Ja, wenn die Einschränkungen voraussichtlich mindestens sechs Monate dauern. Antriebslosigkeit, Ängste und Hilfe bei Körperpflege, Essen, Medikamenten und Tagesablauf bringen Punkte in mehreren Modulen. Auch körperlich fitte Menschen können so Pflegegrad 2 oder 3 erreichen.
Ja, auch Babys können einen Pflegegrad bekommen. Verglichen wird mit einem gesunden Kind im gleichen Alter. Kinder bis 18 Monate werden eine Stufe höher eingestuft als nach den reinen Punkten. Zählen viele Arztbesuche, Medikamente oder Probleme beim Trinken, solltet ihr den Antrag stellen.
Die Pflegekasse muss in der Regel innerhalb von 25 Arbeitstagen entscheiden, das sind etwa fünf Wochen. Ist sie selbst schuld an der Verspätung, zahlt sie für jede angefangene Woche 70 Euro extra. Frag schriftlich nach dem Stand und weise auf die Frist hin.
Nach den Plänen nicht. Für alle, die bereits einen Pflegegrad haben, ist ein Bestandsschutz geplant. Die neuen Punktgrenzen sollen nur für neue Einstufungen gelten. Das Gesetz ist aber noch nicht verabschiedet und kann sich ändern. Bessert sich ihr Zustand deutlich, ist eine Herabstufung wie bisher möglich.
Quellen: dejure.org: § 15 SGB XI Ermittlung des Grades der Pflegebedürftigkeit, Fassung ab 01.01.2026, geprüft am 07.10.2026 · dejure.org: Anlage 2 zum SGB XI, Bewertungssystematik, Fassung ab 01.01.2017, geprüft am 07.10.2026 · Bundesgesundheitsministerium: Übersicht Leistungsbeträge 2026, Stand 04.11.2025, geprüft am 07.10.2026 · Bundesgesundheitsministerium: Kabinett beschließt Pflegeneuordnungsgesetz, Stand 30.09.2026, geprüft am 07.10.2026 · Portal Sozialpolitik: Übersicht Pflegeneuordnungsgesetz, Kabinettsentwurf, Stand 30.09.2026, geprüft am 07.10.2026 · Verbraucherzentrale: Begutachtung durch Medizinischen Dienst: So können Sie sich vorbereiten, Stand 11.02.2026, geprüft am 07.10.2026 · Verbraucherzentrale NRW: Pflegegrad abgelehnt? So wehren Sie sich mit Widerspruch und Klage, Stand 29.04.2025, geprüft am 07.10.2026 · Deutsches Ärzteblatt: Widerspruch gegen die Pflegegradeinstufung oft erfolgreich, Stand 18.12.2023, geprüft am 07.10.2026
Was sich geändert hat: 07.10.2026 – erste Fassung.
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Tipps unter Fachkolleg:innen: Pflegegrade
Für Versicherungsvermittlerinnen und -vermittler, Finanzberaterinnen und -berater mit IHK-Registrierung
- Die geplanten neuen Punktgrenzen ab 2027 sind ein guter Anlass, Kundinnen und Kunden mit pflegebedürftigen Eltern auf einen rechtzeitigen Antrag anzusprechen.
- Bei bestehenden Pflegeverträgen lohnt ein Blick, wie sie auf geänderte Pflegegrade reagieren. Das Gespräch darüber schafft Vertrauen.
